{"id":368,"date":"2013-01-25T15:16:46","date_gmt":"2013-01-25T15:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/?page_id=368"},"modified":"2013-01-26T11:17:56","modified_gmt":"2013-01-26T11:17:56","slug":"karl-koller","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/?page_id=368","title":{"rendered":"Karl Koller"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>\u2026 und die Trauer, deren falsche Heiligkeit das Versinken des sittlichen Menschen so drohend macht, erscheint unversehens in all ihrer Verlorenheit nicht hoffnungslos, verglichen mit der Lustigkeit, aus der unverstellt die Teufelsfratze hervorbleckt\u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\nI.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 KARL KOLLER<\/p>\n<p>Die Figur <b>Charlie Kohler<\/b> ist der rote Faden des Filmes, was allerdings nicht heisst, dass der Film seine \u2013 oder \u00fcberhaupt eine \u2013 Geschichte erz\u00e4hlt.<br \/>\n<b>Nomen est omen<\/b><br \/>\nFast gleich f\u00e4llt auf, dass Charlie keine gew\u00f6hnliche \u201cHauptfigur\u201d ist. Sein erster Satz im Film thematisiert schon dass seine Rolle changiert: sein Bruder spricht ihn als &#8220;Edouard&#8221; an, und er antwortet, dass er &#8220;Charlie&#8221; genannt werden will. Kurz darauf erfahren wir, dass er dass er darauf besteht, von seinem Chef gesiezt zu werden. Charlie identifiziert sich, indem er sic distanziert.<\/p>\n<p>Der Namenskoller geht aber weiter: Auf dem Aushang vor der Kneipe, einem Aushang, der gleich zwei mal deutlich gezeigt wird, heisst der Pianist &#8220;Koller&#8221;. Also nicht &#8220;Kohler&#8221;, wie der Name geschrieben wird.<\/p>\n<p>Eine ganze Wolke an Bedeutungen schwingt da mit: Erstens spielt <b>Charlie<\/b> nat\u00fcrlich auf Chaplin an (mitten im Film, auf dem Weg zum Impresario, tr\u00e4gt er einen Mantel, der ihn entschieden zu gross ist und geht einen Watschelgang, der stark an Chaplin erinnert).<br \/>\nWenn wir dann noch erfahren, dass Charlies Bruder Chico heisst \u2013 also wie einer der Marx-Brothers verfestigt sich der Verdacht, dass hier &#8220;Komische Typen&#8221; statt tieffundierte Charakteren gezeigt werden.<\/p>\n<p>Des weitern klingt &#8220;Koller&#8221; auf Franz\u00f6sisch gleich wie &#8220;Col\u00e8re&#8221;, <i>Wut <\/i>also. Eine Tatsache, die schon leicht possierlich anmutet, wenn wir bedenken wie phlegmatisch Charlie meistens durch die Welt gleitet.<\/p>\n<p>Aber auch die offizielle Orthographie des Namens, &#8220;Kohler&#8221; macht Sinn, da dies hindeutet auf Schwarz und <b><i>Tirez sur le Pianiste <\/i><\/b>Truffauts Hommage an Film Noir ist.<\/p>\n<p>Charlie l\u00e4sst geschehen, ihm st\u00f6sst alles zu und er trifft kaum eigene Entscheide, dauernd ist er fremdmotiviert. Das gilt aber \u2013 und das ist wichtig \u2013 nicht nur f\u00fcr Charlie; die meisten Figuren in dieser Ballade von der traurigen Schenke schaukeln unbeschwert-verloren durch R\u00e4ume, Strassen und Landschaften.<\/p>\n<p>Diese Menschlein reden \u00fcber sich mit grossen Abstand zu sich selbst, das geht so weit, dass Charlies Off-Stimme von einem andern Schauspieler gesprochen wird als Aznavour! Nicht mal in Gedanken hat hier einer noch die eigene Stimme&#8230;<\/p>\n<p>Was diesen Abstand zu sich selbst angeht, ist Lena die grosse Ausnahme und wohl auch nicht von ungef\u00e4hr, dass sie das Ende des Films nicht \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Auch der Film selber ist ohne materielles Zentrum, da gibt es keine &#8220;klare Geschichte mit schlankem Ablauf&#8221;, keine \u201cHauptidee\u201d, Haupthandlung, keine traditionelle Dramaturgie, die sich auf das leidige amerikanische &#8220;<i>plot- or character-driven&#8221;-Schema <\/i>zur\u00fcckf\u00fchren liesse. Die aufgegebene Musikkarriere steht nicht symbolisch f\u00fcr z. B. Charlies Ehrgeiz oder seine Beziehungsunf\u00e4higkeit, das w\u00e4re eine konstruierte &#8220;Ursachen-Psychologie&#8221;. Dramaturgisch lese ich diese omin\u00f6se Abwendung der Laufbahn lieber allegorisch: nicht Charlies Lebenslauf, sondern die traditionelle Geschichte mit ihrer Fetischisierung von Entwicklung, Wende- und H\u00f6hepunkten, Dreiakter-Wahn, Genre-Eindeutigkeit, Schluss, Haupt- und Nebenfiguren-Hierarchie \u00a0wird hier abgestreift.<br \/>\nKurz nach dem Erscheinen des Streifens, als sich ein kommerzieller Misserfolg abzeichnete, distanzierte Truffaut sich f\u00fcr eine Weile von <b><i>Tirez<\/i><\/b>; dass ohne \u00fcbergeordnetes Thema erz\u00e4hlt wurde, warf er nun sich und dem Film vor, , was er w\u00e4hrend der Erarbeitung so erfreut als befreites Erz\u00e4hlen hervorgehoben hatte, die spielerische, unbeschwerte Art des Drehs, denunzierte er nun.<br \/>\nTats\u00e4chlich waren er und seine Bande wie launische Kinder vorgegangen; von Stimmung zu Stimmung\u00a0 changierend drehten sie je nach Tagesverfassung mal eine Groteske, mal eine Kom\u00f6die, mal eine Pastiche oder ein Melodrama. Die fatale Schlussszene im Schnee ergab sich aus der terminlichen Verf\u00fcgbarkeit der Spielenden: Ausser, dass Lena, die Figur der Dubois, sterben w\u00fcrde, stand kaum inhaltlich etwas fest! Erst im Schnitt entstand aus diesem Potpourri das brillante Werk, das heute den Status eines Klassikers innehat.<br \/>\nTrotz des Fehlens einer &#8220;Hauptidee&#8221;, trotz der &#8220;Unseriosit\u00e4t&#8221; beim Dreh franst <b><i>Tirez <\/i><\/b>nicht in beliebigen Bildern aus. Im Gegenteil, Truffaut und Co fanden dank ihrer etwas anarchistischen Unbeschwertheit \u00a0(heute sprechen wir von <i>Guerilla-Style) <\/i>zu einer Erz\u00e4hlhaltung, die sehr wohl zu Dichte und Zusammenhalt und einer starken Binnenspannung f\u00fchrt, die sich f\u00fcr eine theatralische Umsetzung fruchtbar machen l\u00e4sst<br \/>\n<b>Pappkarton-Psychologie<br \/>\n<\/b>Charlie lebt unter einer Glasglocke und vielleicht ist dieses Bild nicht g\u00e4nzlich unangebracht, schreibt doch Sylvia Plath zeitgleich an ihrem Roman <b><i>The Bell Jar<\/i><\/b>. Oder, um das Bedeutungsfeld des M\u00e4rchens zu benutzen: Charlie lebt in einem Glassarg. Und zwar seitdem er gekostet hat vom giftigen Apfel der Erkenntnis, dass eine Karriere sich kaum mit dem Bewahren der Unschuld ertr\u00e4gt. Diese Kausalit\u00e4t der schuldverursachenden Karriere und der daraus folgenden Weltabgewandtheit die aus dem Konzertpianisten Edouard den Kneipen-Klimperer Charlie machen, ist aber ein ziemliches ad hoc Gebilde. Das ist Pappkarton-Psychologie. (so wie das Schema des friedliebenden B\u00fcrgers, der dann durch einige Schurken in\u00a0 Ehre oder Familie oder sonstige soziale W\u00fcrde angegriffen wird und nun eine dramaturgische carte blanche erh\u00e4lt, um sich blutig und ausf\u00fchrlich zu r\u00e4chen f\u00fcr erlittenen Unbill, m.a.w. Rachepornographie).<br \/>\nDie aufgegebene Musikkarriere steht nicht symbolisch f\u00fcr z. B. Charlies Ehrgeiz oder seine Beziehungsunf\u00e4higkeit, das w\u00e4re eben eine konstruierte &#8220;Ursachen-Psychologie&#8221;. Dramaturgisch lese ich diese Abwendung der Laufbahn lieber allegorisch: nicht Charlies Lebenslauf, sondern die traditionelle Geschichte mit ihrer Zwangsjacke von &#8220;Entwicklung, Wende- und H\u00f6hepunkten, Schluss, Protagonist\/Antagonist-Rhetorik&#8221; wird hier abgestreift.<br \/>\nAm Ende der Filmes kommen Blut, Schnee und Kohle(r) [Tod, Unschuld und Kunst] mit einer unheimlichen Logik zusammen. Zu dieser &#8220;Unheimlichkeit&#8221; geh\u00f6rt es, dass Charlie im letzten Bild wieder dasitzt wie am Anfang; ein Jukebox aus Fleisch und Blut, der immer wieder die gleichen Weisen spielt. Die Ereignisse sind hoch-dramatisch, aber eben <b><span style=\"text-decoration: underline;\">nicht <\/span><\/b>tragisch. Das Ende ist nur das Ende der Erz\u00e4hlung, nicht der &#8220;Schluss&#8221; einer Geschichte. Der Kreis, der sich hier schliesst, ist der Kreis eines M\u00e4rchens.<br \/>\nKommentatoren haben <b><i>Tirez<\/i><\/b> mehrmals als postmoderne\/dekonstruierende Spielerei gew\u00fcrdigt. Das verk\u00fcrzt den Film auf seine erz\u00e4hltechnische Br\u00fcchigkeit, die zudem eher modern als postmodern ist. Truffaut erkl\u00e4rt und betont entschieden, dass es ihm um <i>une <b>pastiche<\/b><\/i>, nicht um eine Parodie ging und darin ist er ernst zu nehmen. <b><i>Tirez<\/i><\/b> ist n\u00e4her bei <b><i>Berlin Alexanderplatz<\/i><\/b> als bei <b><i>American Psycho<\/i><\/b>.<br \/>\n<b><i>Diesen kindlichen Adel teilen die Menschen Walsers mit den M\u00e4rchenfiguren, die ja auch der Nacht und dem Wahnsinn, dem des Mythos n\u00e4mlich, enttauchen. &#8230; Die [eindeutige Form] hat man in der gro\u00dfen profanen Auseinandersetzung mit dem Mythos zu suchen, die das M\u00e4rchen darstellt. Nat\u00fcrlich haben seine Figuren nicht einfach \u00c4hnlichkeit mit den Walserschen. Sie k\u00e4mpfen noch, sich von dem Leiden zu befreien. Walser setzt ein, wo die M\u00e4rchen aufh\u00f6ren.<\/i><\/b><br \/>\n<b>Walter Benjamin<\/b> \u00fcber Robert Walser<br \/>\n&#8220;<b>Der Pianist ist tot, es lebe der Pianist<\/b>&#8221;<br \/>\nEdouard Saroyan hat sich nach dem Selbstmord seiner Frau von Karriere und seinem Namen getrennt und gibt seither als Charlie Kohler den Kneipenpianist.<\/p>\n<p>&#8220;Charlie&#8221; ist allerdings keine &#8220;Rolle&#8221;, die Edouard sich zulegt, um seiner schmerzhaften Vergangenheit zu entkommen. \u00a0Charlie ist nur eine weitere Rolle, wie auch Edouard schon nur eine \u201cKunstfigur\u201d war (sie heisst ja Sarayon, wie der K\u00fcnstler, den Truffaut sehr mochte). Das Verhalten und Denken Edouards ist kaum von Charlies Schweren\u00f6tertum zu unterscheiden, schon hier ist alles Rolle, Spiel und wie er bei seiner Gattin Therese gerne \u201cKunde und Kellnerin\u201d spielte, so auch gibt Charlie sp\u00e4ter bei Clarisse den Kunden (der nicht zu zahlen braucht f\u00fcr ihre Liebesdienste) und die erste Auseinandersetzung zwischen Lena und Charlie besteht darin, dass er ihr Geld leiht.<\/p>\n<p>Als Lena Charlie dazu bringen will, wieder Konzertpianist zu werden, benutzt sie die Investitur-Formel: <i>Charlie ist tot, es lebe Edouard<\/i>. Das ist ein fatales Missverst\u00e4ndnis: Charlie und Edouard sind Spiegelungen vom Gleichen, nicht verschiedene Rollen.<\/p>\n<p>Truffaut meinte mal, er wollte mit <b><i>Tirez <\/i><\/b>einen Film \u201csans sujet\u201d (<i>ohne Thema<\/i>) drehen, nun, vielleicht ist ihm das sehr gelungen, Charie\/Edouard ist keine Gestalt, kein handelndes Subjekt, sondern eine Stimmung, ein Typus, eine Maske \u2013 oder eben, ein Clown.<\/p>\n<p><strong>Ahnenforschung<\/strong>: Von der Kleist-Puppe zum Musik-Automaten: Charlie ist kein Kleist, eher ein Klimperer, er spielt in einer Kneipe auf wie ein juke box aus Fleisch und Blut, ein Automat, viele Organe ohne K\u00f6rper, mehr Stimmung als Seele.<br \/>\n<b>&#8220;Schlafwandlerische Souver\u00e4nit\u00e4t, die aber mit grosser Entschlussunf\u00e4higkeit einher zu gehen scheint.&#8221;<\/b><br \/>\nEs ist nicht nur Charlie, der schlafwandelt, es ist der ganze Film, der st\u00e4ndig &#8220;neben den Schienen&#8221; l\u00e4uft, als ob er im Traum gedreht worden w\u00e4re. Die Kamera benimmt sich &#8220;kunstvoll zerstreut&#8221;, stellt Intimit\u00e4t her und ist dann gleich darauf leicht ablenkbar, l\u00e4sst sich von Nebens\u00e4chlichkeiten oder Details verf\u00fchren oder benimmt sich gar irref\u00fchrend, scheint sich nicht entscheiden zu k\u00f6nnen \u2013 oder zu wollen!<\/p>\n<p>Als Charlie zum Impresario geht, sehen wir ihn im Watschelgang durch einen langen Korridor \u2013 den Weg zur Karriere \u2013 gehen. Dabei erklingt unwirklich hallende Geigenmusik. Charlie z\u00f6gert, die Klingel zu dr\u00fccken und im Bild erscheint in Ultra-close-up seine Fingerkuppe, die vor der Klingeltaste inneh\u00e4lt. Dann \u00f6ffnet sich die T\u00fcre und eine attraktive Frau mit Geigenkoffer verl\u00e4sst das Zimmer. Wahrscheinlich hat sie gerade dem Impresario vorgespielt. Und &#8211; die Kamera folgt der Geigerin, wie sie sich durch den gleichen Korridor entfernt, w\u00e4hrend Charlie eintritt und bald seine Klaviermusik gleich unwirklich hallend ert\u00f6nt. Auf einmal scheint die Geigerin zu Protagonistin aufzusteigen, obwohl sie faktisch in diesem Auftritt R\u00e4ume und Film auf Nimmerwiedersehen verl\u00e4sst. <b>Ihr Abgang\u00a0 ist ihr einziger Auftritt<\/b>, und diese kleine, feine tragische Note l\u00e4sst f\u00fcr mich das Wesen des ganzen Filmes anklingen. Charlies Watschelgang, der zu grosse Mantel, das Pathos der hallenden Konzertmusik, und die triste Sch\u00f6nheit, die sich ohne Hoffnung auf R\u00fcckkehr entfernt, in all dem schwebt eine Melancholie mit, die nicht-tragisch oder &#8220;dramatisch&#8221; ist und an Eliots <b><i>Lovesong of J. Alfred Prufrock<\/i><\/b> erinnert:<\/p>\n<p><b><i>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/i><\/b><b><i>No! I am not Prince Hamlet, nor was meant to be;<br \/>\nAm an attendant lord, one that will do<br \/>\nTo swell a progress, start a scene or two,<br \/>\nAdvise the prince; no doubt, an easy tool,<br \/>\nDeferential, glad to be of use,<br \/>\nPolitic, cautious, and meticulous;<br \/>\nFull of high sentence, but a bit obtuse;<br \/>\nAt times, indeed, almost ridiculous\u2014<br \/>\nAlmost, at times, the Fool.<br \/>\n<\/i><\/b><i><br \/>\nNein! Ich bin nicht Prinz Hamlet, noch war ich dazu bestimmt;<br \/>\nBin ein auch-anwesender Lord, einer, der dazu da ist,<br \/>\neine Entwicklung zu beschleunigen, eine Szene oder zwei zu beginnen,<br \/>\nDen Prinzen zu beraten, ohne Zweifel ein bequemes Werkzeug,<br \/>\nEhrerbietig, dankbar, dienen zu d\u00fcrfen,<br \/>\nSchlau, behutsam und pingelig;<br \/>\nGehobener Rede voll, aber leicht bel\u00e4mmert:<br \/>\nZuzeiten, tats\u00e4chlich, fast l\u00e4cherlich &#8211;<br \/>\nFast, zuzeiten, der Narr.<\/i><\/p>\n<p>Die Vorlage und die darin enthaltenen Figuren sind h\u00e4ufig unf\u00e4hig, sich zu entschliessen, Partei zu ergreifen. Aber vielleicht ist es auch nur so, dass sie sich die Freiheit nehmen, ohne Schluss zu bestehen. Wir k\u00f6nnen auf den Pianisten schiessen, aber auf ihn sch<b>l<\/b>iessen, das wird schwierig, diese Freiheit geben Charlie und seine Welt nicht preis.<br \/>\n[F\u00fcr gegen Schluss?] Stand bei <strong><i>Kleist in Thun <\/i><\/strong>im Untertitel &#8220;<strong><i>Portr\u00e4t des K\u00fcnstlers als verzweifelter Kleist&#8221; <\/i><\/strong>k\u00f6nnte es jetzt lesen &#8220;<strong><i>Panorama der Kleink\u00fcnstler als<\/i><\/strong><strong><i> melancholische Charlies&#8221;<\/i><\/strong>.<br \/>\nDamit w\u00e4re, zwar etwas \u00fcberfrachtet formuliert, dennoch vieles erfasst, was uns vorschwebt bei dieser Theaterarbeit. Die Figuren in <b><i>Tirez <\/i><\/b>sind keine Jahrhundert-Genies im Sinne Kleists, es sind Klein(st)k\u00fcnstler, K\u00fcnstler des Kleinen, und es sind vor allem\u00a0 kaum noch Einzelwesen, sie bilden ein &#8220;Gesamtkleinkunstwerk&#8221;. Ihnen zeichnet eine sanfte Anarchie aus, wie Clowns eben, die mitten in der Manege sich noch zu \u00fcberlegen scheinen, ob sie \u00fcberhaupt auftreten wollen oder nicht. Sie sind die Gestalten aus dem Vorprogramm, L\u00fcckenf\u00fcller zwischen den Akten. Und so auch ist diese geplante Produktion ein Ensemblest\u00fcck, eine Chorarbeit \u00fcber einen Chor, der sich mal mehr, mal weniger einig ist, \u00fcber was \u00fcberhaupt auf dem Programm steht.<br \/>\nDie allumfassende Komik des Filmes fordert st\u00e4ndig heraus, l\u00f6st aber keineswegs die Trauer. Vieles steht im krassen Widerspruch mit dem Vorgehenden oder Folgendem. Zwischen Geschehen und Grund des Geschehens klafft h\u00e4ufig eine L\u00fccke, warum unterhalten sich die Figuren \u00fcberhaupt miteinander, woher kommen sie? Ihre Vorgeschichten klingen wie Ausreden, ihre Taten, Gef\u00fchle, \u00c4usserungen wirken wie Stehgreifeinf\u00e4lle. Alles ist typenhaft ver\u00e4usserlicht, gewollt unglaubw\u00fcrdig, nur Vorwand, Staffage, Kulisse. <span style=\"text-decoration: line-through;\">Brecht forderte, dass die Szenen nebeneinander stehen, statt auseinander zu folgen, hier, bei <b><i>Tirez <\/i><\/b>ist es fast ein gegen einander.<\/span><br \/>\nDie Figuren besitzen eine &#8220;unechte Heiligkeit&#8221;, ihre Sanftmut erinnert an fr\u00fch-christliche M\u00e4rtyrer, die \u2013 so wollen es die Legenden \u2013 mit exaltierter Verzeihungsbereitschaft und salbungsvolles Ertragen ihren Martertod entgegensahen. Psychologisch gesehen verhalten sie sich wie Platzhalter im eigenen Leben, Gespenster oder fremdgesteuerte <b><i>Zombies<\/i><\/b>. Sie scheinen ihre eigenen Schicksale wie Unbeteiligte zu erdulden, noch krasser, zu zitieren oder zu markieren, wie bei einer Lichtprobe im Theater oder als Stand-Ins auf dem Filmset. Und dennoch nehmen wir sie nicht als kalt und gleichg\u00fcltig wahr. Statt gen\u00e4hrt aus Heilserwartung und christlichem Pathos, scheint hier mehr eine W\u00fcrde aus der Hoffnungslosigkeit zu erwachsen, ein fremdes sich nicht mehr aufregen k\u00f6nnen. Eine allesdurchdringende Melancholie, eine r\u00e4tselhafte Liebe f\u00fcr Details, f\u00fcr Nebens\u00e4chlichkeiten rettet diese Figuren.<br \/>\nBei Truffaut, oder doch sicher bei Charlie, treffen wir\u00a0 auf eine melancholische, fast kindliche Spielart weltzugewandter Gelassenheit, die an Camus erinnert. Dessen Roman <b><i>L&#8217;\u00c9tranger, <\/i><\/b>erz\u00e4hlt mit beeindruckender Schlichtheit und Sinnlichkeit. Von einem tr\u00fcben und tristen Alltag. Camus beschreibt die Hitze, die \u00d6de der Nachmittage, den Staub einer Namenlosen Stadt jedoch dermassen versinnlicht, dass dies seine Erz\u00e4hlung ertr\u00e4glich macht. Allerdings ist im <b><i>L&#8217;\u00c9tranger<\/i><\/b> alles mit einem heroischen Nihilismus ausstaffiert, einem existenzielles Pathos, und einer stolzen Portion Bierernst. Nimmt es Wunder, dass die &#8220;fremde&#8221; Hauptfigur <i>Meursault<\/i> heisst, was auf Franz\u00f6sisch gleichklingend ist mit &#8220;<i>Meur, sot<\/i>&#8220;, &#8220;<i>Stirb, Narr&#8221;<\/i>.<\/p>\n<p>Da w\u00e4hlt Tirez einen etwas andern Ton. Wo Meursault im <b><i>L&#8217;\u00c9tranger <\/i><\/b>nicht schnell genug seinem Leben entkommen kann, steckt <b><i>Tirez <\/i><\/b>voller Komik, Slapstick. Die camus&#8217;che Sinnlichkeit ist auch hier vorhanden, aber sie ist verwoben mit einer kindlichen, einfachen und h\u00e4ufig szenischen Heiterkeit. Charlies Blick auf seine Umgebung, seine m\u00e4rchenhafte Selbstversunkenheit im Angesicht der hektischen Umwelt, seine urteillose, heillose \u00fcber Freud und Leid schwebende Treue den Dingen des Leben gegen\u00fcber, all das rettet irgendwie seine und des Filmes W\u00fcrde, und erl\u00f6st auch uns vom mechanischen Diktat, das besagt, dass eine (Krimi-)Geschichte mit Happy End oder Heldentod oder Offenem Schluss enden muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 und die Trauer, deren falsche Heiligkeit das Versinken des sittlichen Menschen so drohend macht, erscheint unversehens in all ihrer Verlorenheit nicht hoffnungslos, verglichen mit der Lustigkeit, aus der unverstellt die Teufelsfratze hervorbleckt\u2026 I.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 KARL KOLLER Die Figur Charlie Kohler &hellip; <a href=\"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/?page_id=368\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":358,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-368","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=368"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/368\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":370,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/368\/revisions\/370"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/tirez\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}