{"id":918,"date":"2014-08-28T11:55:36","date_gmt":"2014-08-28T11:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/?page_id=918"},"modified":"2015-05-29T08:22:27","modified_gmt":"2015-05-29T08:22:27","slug":"huber-teuwissen-gesprach-uber-b","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/archive\/huber-teuwissen-gesprach-uber-b\/","title":{"rendered":"huber &#038; teuwissen: Gespr\u00e4ch \u00fcber Bartleby"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>\u201eThe whale in the room\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">Die Regisseurin M\u00e9lanie Huber und der Autor und Dramaturg Stephan Teuwissen im Gespr\u00e4ch mit Karolin Trachte<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>In \u201eBartleby, der Schreiber\u201c gibt es einen zunehmend verzweifelten Notar, seine seltsamen und dauergestressten Mitarbeiter und schliesslich den bizarren Bartleby selbst. Ist das eine traurige oder eine komische Geschichte? <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>M\u00e9lanie Huber &#8211;<\/strong> Die Geschichte ist traurig und steckt gleichzeitig voller Komik!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Stephan Teuwissen<\/strong> &#8211; Es herrscht etwas wie komische Melancholie. Ich denke, der Text ist zu modern \u2013 oder zu barock \u2013 , als dass er nur traurig oder nur komisch w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Wieso habt ihr euch daf\u00fcr entschieden, Bartleby nicht zu besetzen?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Das war uns eigentlich vom Anfang an klar. Bartleby ist dermassen undefinierbar, da w\u00e4re es schade, ihn mit einer Person zu besetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Ich finde die Entscheidung naheliegend, denn die zentrale Figur ist der Notar. Mit ihm identifiziere ich mich, mit ihm leide ich mit&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; So wie bei Moby Dick nicht der Wal die Hauptfigur ist, sondern sich alles um Kapit\u00e4n Ahab und seine Besatzung dreht. Bei Bartleby geht es um den Anwalt, der die Geschichte durchlebt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Ist Bartleby der sprichw\u00f6rtliche \u201eelephant in the room\u201c \u2013 das grosse Eigentliche als Leerstelle im Zentrum?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen <\/strong>&#8211; &#8230;oder vielleicht eher \u201ethe whale in the room\u201c&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Bartleby ist ein R\u00e4tsel, die B\u00fcrde jedes einzelnen von uns. Wir alle tragen einen anderen, ureigenen Bartleby mit uns rum. Es ist das, was man nicht ansprechen oder aussprechen kann. Bartleby ist irgendwie \u00fcberall. Und er geht nicht mehr weg. Sogar sonntags ist Bartleby da und egal wie viele K\u00fcndigungen der Notar auch ausspricht, egal wie viele Fristen er ihm setzt \u2013 Bartleby ist immer noch da. Wie ein Gespenst&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Liest man alle Stellen, in denen Melville Bartleby beschreibt, hintereinander, bekommt man grosse Zweifel, ob es sich \u00fcberhaupt um einen Menschen handelt; bleich, blass, bewegt sich fast nicht, isst kaum und hat eine &#8220;kadaverhafte&#8221; Disposition&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>W\u00fcrdet ihr sagen, Bartleby ist in seinem Nicht-Tun radikal? \u00a0<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Bartleby ist zu Beginn sehr aktiv, er kopiert und schreibt ab wie ein Irrer. Er verschlingt die Urkunden regelrecht, als w\u00e4re es eine Form von Nahrung. \u00dcberhaupt ist Bartleby kein Beispiel f\u00fcr Nicht-Handeln. Der Satz \u201eIch m\u00f6chte lieber nicht\u201c ist eine Handlung, denn das S\u00e4tzchen bewirkt ja einiges bei den anderen!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Ich empfinde Bartleby mehr als einen Zustand als eine Person. Unter diesem Vorzeichen stellt sich dann nicht die Frage, ob er radikal ist oder nicht. Das w\u00e4re, als w\u00fcrde man sich fragen, ob Moby Dick radikal ist. Der Wal weiss gar nichts von Kapit\u00e4n Ahab und seiner Besatzung und will auch nichts von ihnen. Man w\u00fcrde nicht fragen: Welche Absichten hat Moby Dick?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Kommen wir noch auf die anderen Figuren zu sprechen, Puter, Krabbe und Keks. Wer \u2013 oder was &#8211; sind die denn? <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211; <\/strong>F\u00fcr mich sind sie drei fast die heimlichen Protagonisten des St\u00fcckes. Mit ihrem \u00dcbereifer bilden sie einen infernalischen Chor, der gerne ausschert und vor gelegentlichen Handgreiflichkeiten nicht zur\u00fcckschreckt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Im Gegensatz zu ihrem doch sehr ernsten Vorgesetzen ist es ihnen egal, ob sie jemand sind oder niemand. Es macht auch h\u00f6llischen Spass, ihnen zuzuschauen! Die drei stehen irgendwie \u00fcber dem Ganzen. Der Notar versucht sie st\u00e4ndig zu massregeln, dabei sind sie es oft, die <em>ihn <\/em>inszenieren, zeigen, wo es lang geht. Sie wollen dem Anwalt beistehen, aber dieser will eher Gehorsam als Beistand und das wiederum tut ihnen leid.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Der Anwalt scheint zwischen Bartleby und seinen schrullig-\u00fcberdrehten Mitarbeitern der Normalste \u2013 und uns N\u00e4chste \u2013 zu sein. Und doch, auch er ist in einer Krise&#8230; <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211; <\/strong>Sicher! Ein Anwalt ist zun\u00e4chst ein Stellvertreter, einer, der nicht in eigener Sache agiert. Was passiert aber, wenn es pl\u00f6tzlich sehr wohl um ihn geht, um seine Person, und er entdeckt, dass er sich nicht herausrausreden und \u2013winden kann, dass es ans Eingemachte geht. Bartlebys Auftritt zwingt ihn, in eigener Sache Stellung zu beziehen. Damit geraten seine Welt und seine Zeit aus den Fugen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211; <\/strong>Der Anwalt versucht ja nicht nur Bartleby, sondern auch die Zeit in den Griff zu kriegen. Das heisst, er versucht die M\u00fchlen des Alltags, die T\u00fccken des Objekts zu beherrschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Puters &#8220;dyspeptische Nervosit\u00e4t&#8221; oder die Abschriften oder die Quengeleien seiner Angestellten&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Ja, es geht ihm um Macht. Das ist sicher auch das Moderne am Text: es gibt in diesem Anwaltsb\u00fcro Routinen und Abl\u00e4ufe, die als unentbehrlich definiert werden, im Grunde aber beliebig sind. Indem sie aber mit fast religi\u00f6sem Furor fixiert und hochgeschraubt werden, bekommt jede Abweichung davon schon fast Weltuntergangscharakter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Wie auch f\u00fcr eure vorangegangene Arbeit am Schauspielhaus, \u201eDie Radiofamilie\u201c nach Ingeborg Bachmann, hat Pascal Destraz die Musik komponiert: Gesang, Marimba, Perkussion und Trompete. Wir entsteht die Musik und wie setzt ihr sie ein? <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Wir haben zu Beginn eine Reihe von amerikanischen Musikstilen ins Auge gefasst, die schlugen wir Pascal vor. Ausgangspunkt waren Prison- und Working-Songs, ausserdem die fr\u00fche amerikanische Klassik, auch Hymnen. Ausserdem die Form des Fuging-Tune, eine sehr eigene amerikanische Form des Kanons.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Aufgrund dessen komponiert Pascal erste Skizzen, wir h\u00f6ren uns das an, reagieren darauf. Auch das ist ein st\u00e4ndiger Dialog und wir entwickeln die Lieder Schicht um Schicht, verfeinern, ver\u00e4ndern und erg\u00e4nzen immer weiter. Wenn ein Lied fertig ist, muss ich es aber noch auf der Probe \u00fcberpr\u00fcfen. Manches wird auch sp\u00e4ter wieder gestrichen&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; &#8230;zum Beispiel weil es dramaturgisch nicht mehr funktioniert, das ist ein st\u00e4ndiges Verschieben und Rechnen. Sprache und Musik sind eng verwoben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Die Musik hat dabei verschiedene Funktionen. Nat\u00fcrlich hilft mir die Musik, eine bestimmte Stimmung herzustellen. Oder manchmal l\u00e4sst sie uns sp\u00fcren, dass die Zeit vergeht. Und dann gibt es f\u00fcr die Figuren emotionale Momente, fast so als k\u00f6nnten sie gewisse Dinge einfach mit blossen Worten nicht mehr ausdr\u00fccken \u2013 und dann m\u00fcssen sie singen. Manchmal vermitteln die Lieder aber auch Inhaltliches: Im Eingangslied, dem Fuging-Tune, ist eigentlich das ganze R\u00e4tsel schon enthalten&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Es ist typisch f\u00fcr Hermann Melville, dass er zahlreiche Hinweise auf zeitgen\u00f6ssische Ereignisse einflicht, auf Literatur wie Shakespeare, Malerei oder auch die Bibel. Unter anderem verweist er auf das Bild \u201eMarius meditiert vor den Ruinen Karthagos\u201c des amerikanischen Malers John Vanderlyn: \u201eUnd hier haust Bartleby, einziger Zeuge der Stille, wie ein r\u00f6mischer General [Marius] gr\u00fcbelnd vor Karthargos Ruinen.\u201c (Bildabdruck siehe S.XX). Was hat es damit auf sich? <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211;<\/strong> Ja, diese Verweise sind zahllos! Und man weiss oft nicht: zitiert er nun etwas Wirkliches oder erfindet er? Das Vanderlyn-Gem\u00e4lde steht beispielhaft f\u00fcr diese Lust am Zitat. Es ist \u2013 sicher f\u00fcr unsere Augen &#8211; ein \u201eSchinken\u201c und strotzt vor Pathos und Aussagewucht: \u201eSehet her, hier sitzt ein verbannter General br\u00fctend vor den Ruinen einer einst m\u00e4chtigen Stadt&#8230;\u201c Melville ironisiert diesen Bierernst, wenn er Bartleby, dieses blasse, ungreifbare M\u00e4nnchen, mit dem stolzen Marius Caius vergleicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211; <\/strong>Zugleich hat das Ganze aber auch einen melancholischen Selbstbezug.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211; <\/strong>Sicher! Dieser General sitzt nicht nur vor den Ruinen Karthagos, sondern vor den Ruinen seiner Karriere, \u00e4hnlich wie Melville beim Schreiben von Bartleby. Und dieses Pathos und diese \u00dcberbedeutsamkeit machen aus dem Gem\u00e4lde eine Absicht, die sich nie und nimmer verwirklichen l\u00e4sst, das Gem\u00e4lde selber ist eine Ruine seiner guten Absicht und das macht das Ganze auf Umwegen wieder liebenswert \u2013 oder doch spannend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211; <\/strong>Das Bild der Ruine hat uns weiter besch\u00e4ftigt. Auch der Anwalt berichtet seine Geschichte vor dem Hintergrund der Ruinen seiner selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Melville nennt seine Erz\u00e4hlung im Untertitel \u201eEine Geschichte aus der Wall Street&#8221;. Er nimmt auch diese Wall Street, also Wand- oder Wall-Strasse, w\u00f6rtlich?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Es soll im 17.Jahrhundert an der Stelle der heutigen Wall Street einen aufgesch\u00fctteten Wall gegeben haben, damals als Schutz vor Angriffen der Eingeborenen \u2013 also eindeutig ein kolonialistischer Akt, eine Grenzziehung zwischen drinnen und draussen. \u00dcbrigens: Beim ersten Auftritt <span style=\"text-decoration: line-through;\">von<\/span> Bartlebys heisst es nicht umsonst \u201eEr stand auf der Schwelle&#8230;&#8221;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Eine Wand ist etwas, das trennt, sch\u00fctzt, abgrenzt. Es ist auch etwas Statisches. Das passt zu diesem namenlosen Notar, der alles sch\u00f6n festhalten will, schriftlich aber auch sonst. Er beharrt auf Statik, auf dem status quo. Also dachten wir \u00fcber W\u00e4nde, Mauern, Fassaden nach. Im Fortspinnen mit Nadia Schrader, der B\u00fchnenbildnerin, entstanden das Element der Ziegelsteine und die Idee f\u00fcr die Wand-Tafeln. Nadia hat dann eine Art Riesenparavent entworfen \u2013 so wie ihn der Anwalt als Arbeitsplatz f\u00fcr Bartleby einrichtet \u2013 eine Wand also, die gleichzeitig beweglich ist und abschottet. Denn der Notar ahnt, dass Bartleby, dieser ungeplante Einbruch in sein Leben, ihm irgendetwas von Bedeutung zu sagen hat, etwas Wichtiges, und Unheimliches, das er nicht absch\u00fctteln und dem er nicht entgehen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211;<\/strong> Bartleby bringt, obwohl die Reglosigkeit selbst, sogar W\u00e4nde in Bewegung&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Der Notar will Bartleby schon zu Beginn in Reichweite und dennoch aus dem Blickfeld haben. Damit er ihn kontrollieren und trotzdem ignorieren kann?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen &#8211; <\/strong>Bartleby ist im wortw\u00f6rtlichen Sinne eine Heimsuchung. Er sucht den Notar heim, ist also auch etwas, das zu ihm geh\u00f6rt. Der Notar hat \u2013 wie wohl wir alle \u2013 irgendwie aus sich selbst eine Bauruine gemacht, er ist eine lebende Bauruine, ein unfertig gebliebenes Werk. Gerade darum f\u00fcrchtet er sich vor Bartleby, diesem B\u00fcrogespenst, das unleugbar pr\u00e4sent ist, aber sich nicht vom Betrieb befehligen l\u00e4sst. Dadurch stellt er nat\u00fcrlich den Betrieb in Frage. Er ist aber sicher kein Rebell, kein Anarchist oder Ideologietr\u00e4ger. Er ist viel mehr eine unaushaltbare \u201eAussparung\u201c und gerade das macht unseren Notar so wirr und dann auch irre. Fr\u00fch im St\u00fcck br\u00fcstet sich der Notar damit, dass er Leute kennt, \u201edie nicht niemand sind\u201c. Der Notar will eben nicht niemand sein und dann steht eines Tages gerade auf seiner Schwelle Bartleby, eine Chiffre f\u00fcr niemand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Unser Notar ist im Grunde eine Jedermann-Gestalt und Bartleby ist die Umkehrung, das Negativ von Jedermann, er ist eine Niemand-Gestalt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Dem Notar geht es um Angleichung, um Anerkennung, Erfolg, Achtung. Bartleby l\u00e4sst sich in diesem Angleichungswahn nicht einordnen. Er ist verflucht pr\u00e4sent, aber nie greifbar. F\u00fcr den Notar ist das ein Albtraum, denn er kann umgehen mit Angestellten und mit Rivalen, mit Komplizen und mit Antagonisten. Aber Bartleby ist weder noch. Der Notar ist darauf angewiesen, st\u00e4ndig zu rotieren. Sein Karussell ger\u00e4t aus dem Takt, wenn einer, der so anwesend ist, dennoch nicht mitl\u00e4uft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Der Notar versucht verzweifelt, sich in Fleiss zu retten, alles zu fixieren, aufzuschreiben und zu sezieren. Welche Ironie, dass Bartleby gerichtlich als Vagabund, als Herumstreunender verwahrt wird, er, der gerade der einzige ist, der sich eben nicht regt und bewegt! Und der Notar weiss sehr wohl, dass dies eine Ungerechtigkeit ist, aber unternimmt nichts dagegen. Inwiefern sind wir nicht nur Opfer der Welt, wie sie sich uns pr\u00e4sentiert, sondern auch T\u00e4ter, Komplizen des Betriebes?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong> &#8211; Daher auch die Bem\u00fchung der Regie, diesen Notar als eine h\u00f6chst menschliche Figur zu zeigen. Er soll keine Fratze sein, nicht als widerlicher Kapitalist oder Diener der M\u00e4chtigen daher kommen. Er ist wie wir, zugleich Opfer und T\u00e4ter dieses Angleichungswahnes. Und irgendwann wird er, wie wir alle, vom Ganzen eingeholt, von der ultimativen Angleichung: vom Tod.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Ja, bei der Inszenierung suchen wir einen liebevollen und auch nachdenklichen Ton, keinen sp\u00f6ttischen oder kalten Blick, sondern eine fast z\u00e4rtliche Ironie, die N\u00e4he herstellt. Ich mag es, wenn das Publikum mit Zuneigung \u00fcber diese liebenswerten Figuren auf der B\u00fchne lachen kann. Ich m\u00f6chte, dass die Menschen auf der B\u00fchne sich eine Bl\u00f6sse geben, aber ich will sie sicher nicht blossstellen. Das ist einer der wichtigen Gemeinsamkeiten zwischen Stephan und mir, Zynismus und brutale Demontage ist nicht unser Ding. Das Ziel ist es den Text klingen und t\u00f6nen zu lassen. Das R\u00e4tsel Bartleby auch akustische nachhallen zu lassen, um durch Gesang und Ger\u00e4usche in diese Welt spielerisch, schmunzelnd einzutauchen&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Du sagst auch oft auf den Proben zu den Spielern: \u201eHe, das darf Spass machen!\u201c <\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber<\/strong> &#8211; Ja, der Anwalt ist zunehmend verzweifelt und zum Gl\u00fcck gibt es dann die anderen Figuren um ihn herum. Die fangen ihn auf, sch\u00fctteln ihn, fordern ihn heraus, treiben ihren Schabernack mit ihm&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Darum auch beim Proben deine vielen Hinweise auf die Blicke der Spielenden?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Genau, ich frage mich st\u00e4ndig, wer schaut wen an, und ist das ein Blickkontakt oder nur ein sich Anschauen oder Wegschauen oder Schielen &#8230; Darin liegt so viel Drama und so viel Beziehung und Geschichte&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen:<\/strong> Das Drama des unbegabten Notars&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong><em>Unbegabt, worin ist er denn unbegabt?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Teuwissen<\/strong><strong>&#8211; <\/strong>Im sich selbst sein! Und das ist immer wieder N\u00e4hrboden f\u00fcr Komik, wenn wir \u00fcber das stolpern, was wir gerne w\u00e4ren&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Huber &#8211;<\/strong> Ja, es ist traurig und es ist lustig, wie bei&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\"><strong>Beide<\/strong> &#8211; Wie bei Buster Keaton!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #33cccc;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe whale in the room\u201c Die Regisseurin M\u00e9lanie Huber und der Autor und Dramaturg Stephan Teuwissen im Gespr\u00e4ch mit Karolin Trachte \u00a0 In \u201eBartleby, der Schreiber\u201c gibt es einen zunehmend verzweifelten Notar, seine seltsamen und dauergestressten Mitarbeiter und schliesslich den &hellip; <a href=\"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/archive\/huber-teuwissen-gesprach-uber-b\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":22,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"class_list":["post-918","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P4fFvF-eO","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=918"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1362,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/918\/revisions\/1362"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/22"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/teuwissen.ch\/bartleby\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}